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Gleichgewicht

BeitragVerfasst: Di 14. Dez 2010, 20:24
von segelreto
Hier nochmal ein Video zum Thema "lässiger, schienenloser einhand Shunt einer großen (12 meter!) Proa". http://proafile.com/view/magazine/article/equilibre
Ich hatte das Video länger nicht gesehen und verstehe erst jetzt, nach eigenen Erfahrungen, wie sehr dieses Boot seinen Namen "Equilibre", -Gleichgewicht , verdient. Für mich ist das die Essenz des Proasegelns: Boot und Rigg sind so im Gleichgewicht, daß 1 Mann alleine ohne Schiene ein 40 Fuß Boot shunten und ohne Ruder steuern kann! Equilibre verwendet anscheinend keine Senkschwerter, um den Lateralplan zu verändern. Gegen Ende des Videos sieht man, wie Equ. kurz das polynesische Reff einsetzt, und zwar nicht zu Demonstrationszwecken, sondern, wie ich erst jetzt verstehe, um abzufallen/zu steuern um die Mooringboje zu erwischen. Auf anderen Videos sieht man auch, wie sehr bei Vorwindkursen der Mast nach Luv gezogen wird um auch hier ein "Gleichgewicht" zwischen Druckpunkt und Lateralplan zu schaffen. Sehr lehrreich.
Mit welcher Leichtigkeit E. balanciert und den beweglich aufgehängten Ama fliegt, ist erstaunlich für ein so großes Boot. Mit dieser Konstruktion "schluckt" der Ama kurze, steile Wellen wie nichts und das ist bei viel Wind und Wellen hart am Wind sehr hilfreich, habe ich festgestellt. Je weniger Widerstand der Ama dann Wellen und Wind bietet, desto besser, nicht nur nach vorne, sondern auch seitlich. Ein Grundprinzip der pazifischen Proa ist für mich, den Ama kontrolliert zu entlasten, da freuen sich nicht nur die Beams, sondern auch das Log. Deswegen stehe ich Schwertern, Foils etc. im Ama skeptisch gegenüber.
Fazit: Man kann auch größere Proas "gewaltlos" segeln. Bis man aber so eine "Equilibre" in der Abstimmung erreicht, dauerts.
Servus, Reto

Re: Gleichgewicht

BeitragVerfasst: Mi 15. Dez 2010, 07:11
von multihuller
Hallo reto,
danke für Deinen Kommentar zu Jeremies Video. Equilibre hat einen asymmetischen Knickspantrumpf mit recht ausgeprägter mittiger Lateralfläche (siehe Zeichnungen in multihull.de->Services->Homepages->Jeremie Fischer). Dadurch sind keine zusätzlichen Schwerter erforderlich. Wie es mit der möglichen Höhe am Wind aussieht, ist offen. Bei Vorwindkursen wird ein einsteckbares Hilfsruder verwendet. Zum besseren Shunten wurde das Deck von Equilibre nachträglich über die ganze Rumpflänge nach Lee erweitert, damit der Yard störungsfrei entlangrutschen kann. Er hat mittlererweile auch schon das dritte Rigg. Also auch hier Learning by Doing.
Was aus den Videos und Bilder leider nicht hervorgeht, ist die Großschotführung. Das würde mich für meine eigenen Überlegungen besonders interessieren. Vielleicht hat jemand Infos dazu? Das einzige Bild wo man die Großschot sieht (der Rumpf ist noch rot), da besteht sie aus einem einzigen Strick!
Die Aktion des kleinen Amas ist schön anzusehen. Die Ama-Größe ist aber auch vom Gesamtkonzept abhängig. Je breiter das Boot, desto kleiner kann der Ama sein. Wenn man den Kalia/Ndru-Stil hernimmt, sind die Boote insgesamt schmaler und die Amas größer. Hier ist Zuladungsmöglichkeit entscheidend und auch das "Deckshaus" auf den Akas verträgt sich natürlich nicht mit einem Ama mit sehr wenig Volumen.
Jeremie hat uns allen sicher jede Menge Erfahrung voraus, aber leider findet von ihm (von den Videos abgesehen) keinerlei Informationsfluss statt. Ich habe ihn einige Male erfolglos angeschrieben. Schade.
Othmar

Re: Gleichgewicht

BeitragVerfasst: Sa 18. Dez 2010, 12:30
von segelreto
Hallo Othmar!
Daß es bei der Proa- Konstruktion je nach Einsatzzweck einen fliessenden Übergang zwischen Beinahecat (großer Ama, kurze Beams, hohe Deckslast, große Fahrtentauglichkeit) und Extremproa (kleiner Ama, lange Beams, wenig Deckslast, geringere Fahrtentauglichkeit) hatte ich mir noch nicht bewusst gemacht. Ein wichtiges und interessantes Prinzip.
Ich habe mir die Equilibre Videos noch einmal hinsichtlich der Schot(en) - Führung angeschaut und herausgefunden, wie´s funktioniert. Wenn man weiss, wo man hinschauen muß, sieht man`s.
Es ist ein Doppelschotsystem ähnlich wie bei mir (geht ja auch gar nicht anders ) mit 2 Schotblöcken an Deck, von denen die jeweilige Schot auf eine zentrale Winsch geht. Die 2 Schoten sind jeweils nur ein unübersetzter Strang, die Übersetziung ist in der Winsch, mit der Equilibre ziemlich virtuos arbeitet.
Eine Alternative für größere Proas wäre vielleicht eine Doppelschot-Kombination aus Baumbridle (reduziert Auszugslänge der Schot), Doppelstrang Übersetzung und Winsch.
Servus, Reto

Re: Gleichgewicht

BeitragVerfasst: Sa 18. Dez 2010, 13:09
von segelreto
P.S. Bei näherer Überlegung: Wieso überhaupt noch Blockübersetzung bei der Schot, wenn man eine Winsch hat? Man bedient ja auch riesige Genuas einsträngig, nur mit der Winsch. Das wäre ja DIE Lösung für Dich, Othmar!
Equilibre verwendet einen 2 strängigen Flaschenzug von Deckmitte (an einem quer mittig aufs Deck gestellten alten Bugkorb befestigt, um den Holepunkt zu erhöhen) zum Masttop offenbar, um während des Shunts den Mast in die Mitte zu ziehen.
Servus, Reto

Re: Gleichgewicht

BeitragVerfasst: So 6. Mär 2011, 09:16
von multihuller
segelreto hat geschrieben:Man bedient ja auch riesige Genuas einsträngig, nur mit der Winsch. Das wäre ja DIE Lösung für Dich, Othmar!

Hallo Reto,
ich muss öfters im eigenen Forum nachlesen. Im Prinzip hast du Recht. Das ganze Problem mit den zig Meter Großschot wäre vom Tisch. Ich muss gestehen, bei den jetzt 8 m Bootslänge in Gedanken bei der P5 stehengeblieben zu sein. Wenn man die Kosten für beste Blöcke und lehniges Tauwerk rechnet, kommt einem eine kleinen selbstholende 2-Gang wahrscheinlich nicht teurer. Auch der Trick den Yardfuss mittschiffs über die Großschot springen zu lassen, ist damit um vieles einfacher lösbar.
Danke Dir für die Anregung