Neue Proa "Tangaroa"

Für Freunde der schlanken und schnellen Auslegerboote. Egal ob traditionell oder modern (kein Bootsmarkt).

Neue Proa "Tangaroa"

Beitragvon manfred » Fr 14. Sep 2012, 19:11

Hallo Proaistas,

nach langer Zeit melde ich mich mal wieder im Forum. In der Zwischenzeit ist eine neue Proa fertiggeworden, die 5,5m lange „Tangaroa“. Wie man auf den Bildern auf Anhieb sieht, handelt es sich nicht um eine P5, wie „Rapa Nui“ eine war. Warum das neue Boot, da ich doch mit meiner alten P5 recht zufrieden war?

Auslöser war das Gewicht des P5 Vaka, das mir doch recht hoch geraten war. Ich konnte alle Teile des Bootes gut alleine bewegen aber bei dem Vaka kam ich an meine körperlichen Grenzen. Wenn schon ein neuer Rumpf, dann gleich etwas größer, um mit zwei Personen etwas komfortabler segeln zu können. Um den Rumpf bei 10% mehr Länge auch noch leichter zu gestalten, musste ich mir schon etwas einfallen lassen. Die Lösung sollte ein anderes Material sein. Styrodur klang erst einmal sehr vielversprechend. Bei genauerer Berechnung zeigte sich zwar nachher, dass man auch mit Bootsbausperrholz ähnlich leicht hätte bauen können, aber da wollte ich die Entscheidung nicht mehr umstoßen. Es gibt dann noch einen weiteren Grund, über den werde ich dann hoffentlich im nächsten Frühjahr berichten können.

Zunächst wollte ich die P5 nur in diesen beiden Punkten verändern - etwas größer und aus einem anderen Material - den Riss aber sonst gleich lassen. Dann fielen mir einige Bücher zum Bau von Yachten in die Hände. Die beiden prägnanten Aussagen „Länge läuft aber Breite gleitet“ und „Aller aufwendigen Berechnungsmethoden zum Trotz ist die wirksamste Unterwasserform zum Gleiten immer noch die einer schräg gestellten Haustür“ hatten mich beeindruckt.

Na, das sollte sich doch machen lassen. Damit hatte der Vaka einen flachen Boden. Also musste ein Schwert her, um die Abdrift zu reduzieren. Blieb die Frage, im Hauptrumpf oder im Ama? In der Diskussion mit Othmar hatte dieser sich für das Schwert im Schwimmer ausgesprochen. Dies und die Wa`apa von Gary Dierking haben mich dann überzeugt. Bei seinen Konstruktionen hat er bei dem Wenderigg das Schwert im Hauptrumpf angebracht, beim Shuntingrigg im Ama. Es muss wohl doch Vorteile haben, das Schwert im Ama anzuordnen.

IMG_1677kl.jpg
aus der Vogelperspektive


Und so ist das Boot entstanden, wie es der Betrachter auf den Bildern sieht, die V-Form des Ama stand sowieso nie in Frage. Einige kleine Änderungen habe ich noch mit eingebaut gegenüber der P5– der Mast wurde weiter nach Luv gestellt um beim Platzwechsel für das Shunten mehr Raum zu haben und damit der Mast stabiler steht bei Wind von der falschen Seite. Weiter habe ich den Vaka offen gestaltet, um eine bessere Sitzposition zu haben. Während sich die erste Änderung voll bewährt hat, werde ich den Vaka zum Großteil wieder eindecken. Es reicht jeweils eine Ducht an den Enden aus, um eine angenehme Sitzposition zu haben. Auch wenn das Boot ausgesprochen trocken segelt, läuft durch Regen aber viel Wasser in den Rumpf (trotz Persenning). Außerdem findet dann auch Laub und Schmutz den Weg nicht so schnell ins Boot.

Damit hätte das Boot die gleichen Grundzüge wie die, allerdings wesentlich größere, P8 „Kalapuna“ von Othmar. Das war ursprünglich überhaupt nicht beabsichtigt. Aber interessant, dass wir auf vollkommen unabhängigen Wegen zu dem gleichen Konzept gekommen sind. Nur auf mein bewährtes und geliebtes Ruder ROmaM habe ich auch bei Tangaroa nicht verzichtet. Es hat in meinen Augen einfach viele Vorzüge gegenüber dem Steckruder, insbesondere ist es wesentlich unempfindlicher gegen Grundberührung.

Jetzt zur Hauptfrage: Wie segelt das Boot mit den neuen Rümpfen (das Rigg ist 1:1 von Rapa Nui übernommen)?
Vom Gefühl her und auch beim Vergleich mit anderen Booten segelt Tangaroa deutlich höher am Wind. Was mich besonders beeindruckt sind die Beschleunigungswerte. Wenn man das Segel dicht nimmt oder eine Bö einfällt nimmt das Schiff unglaublich schnell Fahrt auf. Bezüglich der Höchstgeschwindigkeit kann ich noch keine belastbaren Aussagen machen. Da hoffe ich auf einen noch schönen und langen Herbst mit viel Wind der richtigen Stärke.

Wie bereits erwähnt segelt das Boot ausgesprochen trocken. Selbst bei WS 4 und knapp 1m hohen Wellen auf dem Achterwasser kam kein Spritzwasser über. Die Kursstabilität und Steuerbarkeit lassen keine Wünsche offen. Besonders beim ersten Punkt bin ich angenehm überrascht, da hatte ich mit einem schlechteren Ergebnis gerechnet. Und bei der Steuerbarkeit ist es nun auch kein Problem, bei viel Wind abzufallen. Da musste ich bei „Rapa Nui“ schon manchmal trixen. Insgesamt ist Tangaroa weniger luvgierig, da durch die etwas größere Länge bei gleichem Rigg der Segeldruckpunkt nach vorne gewandert ist.
Bei der Gelegenheit: Die beiden Rümpfe sind in die sehr aktive Proa-Community in Polen gegangen, wo sie hoffentlich ein erfülltes und erfolgreiches zweites Leben haben werden.

IMG_1649kl.jpg
kurz vor dem Ablegen


Was natürlich nicht zu vergleichen ist, ist die Optik des Bootes. Styrodur ist nun mal nicht Holz, insbesondere, wenn es in Natur lackiert ist.

Um den Kreis zu schließen zu der Berichterstattung im Forum: Der letzte Artikel, noch im letzten Jahr, beschäftige sich mit dem elektrischen Antrieb. Ich habe mich nach langem Widerstreben nun doch für einen solchen entschieden. Der Grund liegt u.a. auch in der neuen Konzeption. Bei ablandigem Wind konnte ich bisher mutig bis kurz vor die Hafeneinfahrt aufkreuzen und die letzten paar Meter paddeln. Der massive Rumpf der P5 nahm eine Grundberührung nicht übel. Bei dem Schwert von Tangaroa, das natürlich auch noch viel tiefer geht, ist das nicht so. Zumal man davon ausgehen muss, dass dann das Boot durch den Wind geht und dann hat man zwei Probleme – Grundberührung und Wind von der falschen Seite. Also müsste man schon weit vor der Hafeneinfahrt mit dem Segeln aufhören, was die Paddelstrecke entsprechend verlängert.

Ich habe mich deshalb für den ZEBCO RHINO COBOLD V 18 entschieden. In der Schalterstellung 2 schiebt der Motor das Boot mit 2 Personen gegen einen 2-3er Wind ca. 40 min lang mit 2kn. Das Ganze mit Batterie und Ladegerät für 120€ und bei 8 kg Gewicht - ich finde, das kann man machen.

Aber das Boot segelt so gut, dass man den Motor bis auf den oben genannten Fall eigentlich nicht brauchen sollte.

ProaStyr56.jpg
Tangaroa unter Segeln


Noch eine schöne Restsaison
wünsche Euch
Manfred
manfred
 
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Re: Neue Proa "Tangaroa"

Beitragvon manfred » Sa 9. Feb 2013, 20:35

So ein richtig langer und schöner Herbst mit viel Wind der richtigen Stärke, wie in meinem letzten Bericht erhofft, ist es dann leider nicht geworden und so sind auch nicht viele Meßwerte zusammengekommen.
Aber die wenigen möchte ich doch nennen, um eine etwas objetivere Aussage zu den Segeleigenschaften von Tangaroa zu bekommen.

Folgende Werte habe ich gemessen
Wind - max. Bootsgeschwindigkeit (GPS)
5kn - 7,5kn
6kn - 9,2kn
11kn - 10,7kn

So schön wie die Tabelle aussieht, so muss man an dieser Stelle doch der Wahrheit die Ehre geben und sagen, dass hier Äpfel mit Birnen kombiniert werden. Bei der Windmessung handelt es sich um den Mittelwert aus einer 10min Messung, während das GPS die Bootsgeschwindigkeit als 5sec-Mittelwert anzeigt. Und bei der hier angegebenen Bootsgeschwindigkeit handelt es sich um den maximal Wert, der natürlich in den Böen erreicht wurde.
Wenn man aber bedenkt, dass die Böen reviertypisch nur von ausgesprochen kurzer Dauer sind und das Boot daher nur wenig Zeit zum Beschleunigen hat, dann finde ich, segelt das Boot gar nicht so schlecht.

In der Hoffnung auf ein baldiges Ende des Winters und eine schöne Segelsaison 2013
Manfred
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